Fahreindrücke auf einer Ölverbrennungsanlage

Unser Designer, einigen Motorradfeinschmeckern auch als „Frau Reuter“ bekannt, ist einer unserer Männer „der ersten Stunde“. Es gab in den letzten Jahren keine Testfahrt, die er nicht begleitet hätte, um seinen wertvollen Input zu Optimierungsarbeiten zu geben.
Deshalb, und natürlich auch wegen seines erfrischenden Schreibstils, gebührt ihm an dieser Stelle die Ehre, seine persönliche Erfahrung auf der Neander einmal wiederzugeben.
Doch lesen Sie selbst:

Fahreindrücke auf einer Ölverbrennungsanlage

Sie ist anders. So hört man es von denen, die schon gefahren sind. Und schon wenn man aufgesessen ist (anders ließe es sich kaum nennen) spürt man, dass alles anders ist. Man hat also diesen Eisenhaufen zwischen den Beinen, vor einem wölbt sich die gewaltige Tankabdeckung Richtung Lenkkopf und hinter sich spürt man die (wohl notwendige) Rückenlehne und wähnt dahinter das halbmeterlange Heckteil…

Man sitzt auf – oder je nach Betrachtungsweise – IN der Neander. Die zu bewegenden 300 Kilo setzen sich weniger aus Schnickschnack, sondern vielmehr aus einem Konglomerat von mechanischen und elektronischen Bauteilen zusammen, soviel ist gewiss, und man fragt sich, ob man diese Masse Hightech sauber um die Kurven bewegen kann. Wie sagte schon Mutti immer: Versuch macht kluch. Also beherzt den Startknopf gedrückt: Aha! Kein sonores V2-Gebrummel, kein sirenenhaft aufbrüllendes Vierzylinder-Gejaule, sondern eine neue Dimension des Zweiradlärms: Es nagelt, und das nicht von schlechten Eltern. Der Diesel gibt eine deutliche Ansage von sich: Hier wird Brennstoff unter höchstem Druck verarbeitet. Am besten entgeht man dieser eher von Nutzfahrzeugen bekannten Geräuschkulisse, indem man dem Fahrzeug mal in den Hintern tritt.

Also flugs den ersten Gang eingelegt, Kupplung kommen lassen – hoppla, da geht was! - und schon knallt das Biest los. Zack! ist der zweite Gang drin, dann der dritte… und niemand denkt mehr an Nutzfahrzeuggeräusche. Schon im dritten Gang macht sich eine eher von Sportflugzeugen bekannte Melodie breit und lässt einen mit Schrecken feststellen, dass man die 100 km/h Marke schon weit überschritten hat. Himmel, was für eine Schleuder! Ganz souverän - schon fast arrogant - zieht die Fuhre von ganz unten sauber hoch und katapultiert den Fahrer in die Glückseligkeit.

Nachdem man sich in erlaubte Geschwindigkeitsbereiche eingependelt hat, beginnt es, gemütlich zu werden. Zeit, sich etwas zu räkeln, erst mal probieren, ob man auch richtig sitzt. Ja, prima, die Füße sind auch noch auf den cruisermäßig vorne angebrachten Fußrasten, die Arme bilden lediglich die gebogenen Verlängerung des weitgeschwungenen Lenkers – man nennt so was wohl ergonomische Harmonie.

Nun ist es an der Zeit, Beschleunigung und Kurventauglichkeit im Duett zu testen. Siehe da: Ein Cruiser zum um die Ecke knallen! All das anfängliche Gewicht ist wie weggeblasen, das Fahrzeug folgt scheinbar eher dem Schenkeldruck als der Lenkbewegung des Fahrers. Lammfromm wirft sich die Neander samt Fahrer in die Kurven und freut sich auf die nächste Gerade, bei der nach Herzenslust am Hahn gerissen werden kann. Hei, da geht die Post ab!

Das ist in der Tat eine neuartige Version des Gasgebens. Der Diesel drückt die Massen mit Hilfe des mit unbeugsamer Kraft einsetzenden Turboladers über den Asphalt, dass es eine wahre Freude ist. Steigungen sind nur noch geografisch existent, der Motor nimmt sie dank ungeheurer Drehmomentreserven nicht wahr. Problemlos wird der Fahrer im höchsten Gang bis 220 Stundenkilometer davongeschoben - das Fahrwerk gaukelt entschieden niedrigere Geschwindigkeit vor. Auch bei diesem Tempo sitzt man – so man denn über eine kräftige Nackenmuskulatur verfügt, die den Kopf stabilisiert – recht lässig im Sattel und würde sich nicht wundern, plötzlich links oder rechts behutsam von einem Linienflugzeug überholt zu werden.

Mit dem Geräusch einer alten Cessna bügeln wir (das Motorrad und ich) durch die Landschaft und stellen fest, dass die Mundwinkel zu einem spitzbübischen Grinsen vereist sind. Das darf wohl als Indikator für höchste Pilotenfreude gewertet werden. Das Grinsen wird kurz von einem anderen Gesichtsausdruck abgelöst, als die Bremsen zum ersten Mal zum Einsatz kommen: Hilfe! Das bremst wirklich! Ebenso schnell, wie die Kiste beschleunigt, ist sie auch geneigt, zu verzögern. Kein Wunder: Insgesamt sechs Kolben verbeißen sich in drei 320er Bremsscheiben - ein Wurfanker in eine Baumgruppe dürfte ähnliche Verzögerungswerte bewirken. Das Bremsen will also wohldosiert sein, wird aber später geübt. Wir wollen schließlich Spaß haben, die Kraftfahrerseele baumeln lassen.

Brav wird sich wieder zurückgelehnt, die Mundwinkel gehen erst nach außen, dann leicht nach oben. Souveränität ist das richtige Wort, wenn man Beschleunigung samt Körperempfindung und Sitzhaltung in einem Atemzug beschreiben will. Gepflegtes Fahren mit der Möglichkeit, bei Bedarf gehörig die Sau raus zu lassen, das tut auch dem Ego erfrischend gut. Ich werde mal nachfragen, ob es die Neander auch auf Rezept gibt.